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Kalla Wefel

19.Dezember, 14:40, ich sitze in der hintersten Ecke des ARTelier-Cafés in der Heger Straße an einem Zweier-Tisch, vor mir eine Cola. Ich komme gerade vom Weihnachtsmarkt, die adventliche Stimmung hatte auch mich längst gepackt und plötzlich betrete ich dieses Café mitten in der Altstadt und fühle mich in den Süden versetzt, Reggae-Musik klingt aus den Lautsprechern, an den Wänden hängen bunte Gemälde bedeutender Künstler – ich sitze direkt vor David Bowie – und von meinem Stuhl aus sehe ich Skulpturen und weitere Gemälde im hinteren Teil des Cafés. Als ich ankomme, bin ich noch der einzige neben dem Besitzer und der Kellnerin, später füllt sich das Café zusehends, es riecht nach Kaffee.

Ich warte auf Kalla Wefel, ich bin fünf Minuten zu früh zu unserer Verabredung und warte dementsprechend fünf Minuten, bis Kalla das Café betritt und mich begrüßt, er hatte mir schon vorher das Du angeboten.

Der 66. jährige Kalla Wefel war vieles in seinem Leben: Kabarettist, Schauspieler, Autor, Student, Taxifahrer und Politiker, aber am Anfang war die Musik. Dieser Satz ist nicht nur der Titel seines aktuellen Kabarettprogramms, sondern beschreibt auch seine Jugend am besten: Er sagt selber von sich über diese Zeit, er „[sei] völlig krank gewesen“, was die Musik betrifft, geprobt hat er mit seiner Band teilweise 12 Stunden am Stück und es gibt heute noch Stücke von damals, ohne die er einen Tag „nicht überstehen kann“.

Die Musik war die „Emanzipation vom Elternhaus“, Protest gegen die „alten Autoritäten“ und Generationen und eine Flucht in eine eigene Welt, die gerade Kalla damals brauchte. Er sagt, „die Zeit, in der er aufgewachsen ist, hätte seinen unwiderstehlichen Drang, Autoritäten in Frage zu stellen, ausgelöst“, er lässt sich von „Menschen, die denken, sie hätten Ahnung“ nichts sagen, von den damaligen Lehrern und Professoren oder den intoleranten Menschen der älteren Generationen, wobei er immer wieder betont, wie glücklich er mit seinen für diese Zeit sehr liberalen Eltern gewesen ist. So waren für ihn weniger die einfachen Klänge der Musik, als die Texte wichtig, die Musik war für ihn ein „komfortabler Protest“ gegen die Missstände seiner Zeit: Vietnamkrieg, ehemalige Nazis in Politik und Schulen und die veraltete Einstellung der Älteren und des Staates beispielsweise zu Schwulen. So demonstrierte er gegen Strafen für Schwule und weigerte sich, als Atheist das Gebet am Anfang des Deutschunterrichts mitzusprechen und sang stattdessen die Internationale, das kommunistische Einheitslied. Er bekam anschließend eine 6 und infolge seines Protestes gegen die neonationalsozialistische NPD auch einen Schulverweis. Trotzdem sagt er, die Eltern und Lehrer wären nicht mit der „Angstfreiheit“ der Jugendlichen klargekommen, sie lachten nur über die „angeblichen Autoritäten. Es gab ja keine Argumente, für das, was sie gesagt haben, das war ja alles unlogisch“. Später, so erzählte er mir von seinem Triumph, bekam er doch vom neuen Kultusministerium Recht und durfte sein Abitur nachmachen, die Schule hingegen wurde verwarnt. Später schrieb Kalla sogar noch die Schulbücher in Englisch und Deutsch mit denen sein alter Deutschlehrer unterrichten musste.

Musik war aber eben nicht nur eine Möglichkeit des Protests für ihn, sondern eine Flucht aus dem Alltag. So schwärmt er vom Touren durch Deutschland und Europa und dem unsteten Leben, dem „Zigeunerleben“, er wäre „immer froh, wenn er nach einer Tournee wieder zuhause ist, aber will nach drei Tagen wieder raus“. Das Lebensgefühl, jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, neue Erlebnisse zu machen und „sogar noch Geld dafür zu bekommen“ wäre „eigentlich unverschämt [gut]“. Später machte er auch Straßenmusik in Südfrankreich und fasste den Entschluss, „nie wieder ein Büro zu betreten.“

Er war generell viel im Ausland, lange Zeit in Kanada, Österreich und Italien, am besten gefiel ihm aber Schweden. Dorthin floh er vor der Wehrpflicht, nur um tags darauf beim Anruf nach hause festzustellen, dass er sowieso ausgemustert war. Am besten gefiel es ihm aber in Deutschland, wo er seine Zeit hauptsächlich in Osnabrück und Hamburg verbrachte. Ursprünglich kam er zum Sportstudium nach Hamburg, lebte jedoch schließlich zwischen 1972 und 2002 30 Jahre dort. Er studierte dort nicht nur Sport, sondern noch Germanistik und Philosophie. Er gibt selbst zu, „immer Angst“ gehabt zu haben, „was zu Ende zu machen, das langweilte [ihn] einfach“.  Fast wäre er auch Lehrer geworden, trotz seiner vorherigen Abneigung gegen Lehrer, aber er hatte „so viele Ungerechtigkeiten [in der Schule] erfahren, dass […] er nicht über das Schicksal von Jugendlichen hätte urteilen können“.

Zurück in Osnabrück schrieb er viele Bücher, so wie sein mit 15.000 verkauften Ausgaben erfolgreichstes Werk „Kär Kär Kär“, ein Wörterbuch für Eigenheiten der Osnabrücker Sprache, in dem er komödiantisch Begriffe vorstellt, die es nur in Osnabrück gibt. Auch momentan schreibt er wieder an einem Roman. 2013 bewarb er sich sogar um den Posten des Osnabrücker Oberbürgermeisters, allerdings nur für sein damaliges Kabarettprogramm    „Der Kandidat“. Schlussendlich erreichte er mit nach eigenen Angaben null Euro Ausgaben und Wahlslogans wie „Vote Wefel. Denn einer muss die Suppe ja auslöffeln“ oder „Mehr Bürokratie wagen! Damit die städtischen Arbeitsplätze auch morgen noch sicher sind“ beachtliche 2,37%.

Anders als bei seiner scherzhaften OB-Kandidatur, war es ihm ernst, als er sich 2017 für das Amt des Präsidenten beim VfL Osnabrück „zur Rettung einer seiner letzten Passionen“ beworben hat. Der Fußball ist für ihn nicht mehr ertragbar, es ginge nur noch um Korruption und Geschäfte und auch der VfL, der für Kalla, den Sohn des damaligen langjährigen Mannschaftsarztes „wie ein Familienmitglied“ war, sei voll von Vetternwirtschaft, Kapitalismus und undemokratischen Strukturen. Darüber schreibt er auch unter anderem in seinem neuesten Buch Unglaublich wahre Geschichten. Zugelassen wurde er zu der echten Wahl nicht.

Kalla Wefel ist ein äußerst herzlicher, ehrlicher, netter aber auch teils sehr unorganisierter Mann, es war äußerst interessant über sein vielseitiges Leben zu hören.

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